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< Spende des Projektes „Rund ums Mittelmeer“
03.07.2017

Jugend forscht


 

25 jüdische Schülerinnen besuchten zwischen 1933 und 1936 das Max-Slevogt-Gymnasium in Landau, das damals noch eine Schule für höhere Töchter war. Gut 80 Jahre später haben sich nun MSG-Schüler auf Spurensuche begeben. Ihr Ziel: die Schicksale ihrer Vorgängerinnen erforschen.

„Die Reichspogromnacht im November 1938 führte auch den Landauer Juden deutlich vor Augen, dass es in Deutschland für sie kein Überleben geben konnte“, erzählt die Landauer Stadtarchivarin Christine Kohl-Langer den elf MSG-Schülern, die sich an den Projekttagen zum Thema „Ein Stein, ein Mensch, ein Schicksal“ beteiligen. Gemeinsam mit Religionslehrerin Dominique Ehrmantraut hat Kohl-Langer zu Beginn des Schuljahres die Namen, Geburtsdaten und teilweise ehemaligen Adressen von 25 jüdischen Schülerinnen ausfindig gemacht, die bis 1936 das MSG besuchten. Später war ihnen der Schulbesuch vom NS-Regime verboten worden. Am MSG will man nun wissen: Was passierte danach mit den jungen Frauen?Fest steht, dass die meisten von ihnen nach den Ereignissen im November 1938 aus Landau geflohen sind und die Verfolgung durch die Nazis überlebt haben. Zehn der Schicksale hinter den Namen hat Ehrmantraut mit ihren Zehntklässlern bereits im Religionsunterricht erforscht. Die verbliebenen 15 sollen nun während der Projekttage recherchiert werden. Auch Geschichtslehrer Marc Eckendorf steht den Schülern zur Seite: „Durch dieses Projekt haben die Schüler die Möglichkeit, die allgemeine Geschichte von einer anderen Seite zu sehen“, sagt der Historiker. Die Einzelschicksale aus der Regionalgeschichte sollen den Jugendlichen vor Augen führen, was die historischen Ereignisse konkret für die Menschen bedeuteten. „Dabei ist es wichtig, dass die Schüler die Informationen, die sie recherchieren, auch in den geschichtlichen Kontext einordnen können“, betont Eckendorf.

Die Schüler hat das Forscherfieber gepackt. Eine von ihnen ist die Zehntklässlerin Begüm, die sowohl während des Religionsunterrichts als auch während der Projekttage kräftig mitgeforscht hat. „Es macht einfach Spaß, diese Schicksale zu erforschen“, sagt die 16-Jährige. „Es ist wie bei einem Puzzle, und mit jeder Information, die man findet, wird das Bild der Mädchen deutlicher.“ Begüm recherchiert das Schicksal des Mädchens Doris Benedick, die mit 16 Jahren aus Landau fliehen musste. Wie sie dabei vorgehen sollte, hat sie von Kohl-Langer gelernt. „Der erste Anhaltspunkt sind die Meldebögen aus dem Landauer Stadtarchiv. Dann suchen wir in verschiedenen Online-Datenbanken nach Passagierlisten oder Einwanderungskarten“, so die Archivarin. Über Doris Benedick hat Begüm so rausfinden können, dass diese mit Vater und Bruder in die USA ausgewandert ist, dort gelebt hat und Jahre später in Miami gestorben ist. Über Facebook hat sie versucht, mit der Familie von Doris in Kontakt zu treten: „Bisher haben sie aber noch nicht geantwortet.“

Ruth Katz, deren Schicksal von Oberstufenschülerin Elena erforscht wird, war 1987 sogar noch mal in Landau. Damals wurde das Frank-Loebsche Haus nach Renovierungsarbeiten wieder eingeweiht, und alle ehemaligen jüdischen Landauer Bürger wurden zur Feier eingeladen. „Weil sie hier auf diesem Bild zu sehen ist, weiß ich, dass Ruth die Flucht überlebt hat“, erklärt Elena, während sie auf ein Foto zeigt, das bei der Feier aufgenommen wurde. Ansonsten war es gar nicht so leicht, die Spur des Mädchens zu finden, das in der Schlachthofstraße aufwuchs. „Wir wissen nur, dass ihre Mutter 1935 nach Frankreich ausgewandert ist, und gehen davon aus, dass Ruth mitgegangen ist.“ Die nächste Spur stammt aus dem Jahr 1955. In einer Online-Datenbank hat Elena die portugiesische Einwanderungskarte gefunden, die belegt, dass Ruth Katz nach Rio de Janeiro emigrierte. „Andere Schülerinnen hatten nicht so viel Glück“, sagt Kohl-Langer, „sie sind zu spät in die Niederlande geflüchtet und wurden dort von den Nazis eingeholt und nach Auschwitz gebracht.“

Am heutigen Mittwoch stellen die Schüler ihre Ergebnisse beim Schulfest vor. Damit ist das Projekt aber noch nicht am Ende: Am 9. November sollen 25 Stolpersteine, die an die jüdischen MSG-Schülerinnen erinnern, vor dem Gymnasium verlegt werden.

Von Lena Wind

Quelle: Die Rheinpfalz - Pfälzer Tageblatt - Nr. 147, Mittwoch, den 28. Juni 2017, Fotos: Iversen/DPA